|
Natürlich saugen ohne Plastik Renaissance des Stroh-Trinkhalms erschienen: Hotel & Technik 3/97 Es ist ein ganz neues Trinkerlebnis, das der Heilbronner Gastwirt Thomas Aurich seinen Gästen bietet: Als erster und bisher einziger Gastronom in der Bundesrepublik hat er den guten, alten Strohhalm wiedereingeführt. Ob in seinem Innenstadtcafe „s'Schümli" oder in seinem Landhaus „Food Court" am Neckarufer: Das Röhrchen aus Naturmaterial macht dem Wettbewerber aus Plastik Konkurrenz Nach jahrelangem Suchen nach einer umweltfreundlichen Lösung ist in Thomas Aurichs Gläsern und Flaschen das Plastikzeitalter endgültig vorbei. Die Gäste machen die Neuerung begeistert mit, und - so berichtet Aurich - einer hat dabei sogar feuchte Augen bekommen, weil er sich an seine Kindheit erinnert fühlte. Ausgangs der 50er Jahre verschwand er, der heißgeliebte Strohhalm, wurde ersetzt durch ein Röhrchen aus Plastik, jenem Material, das wie kein anderes zu jener Zeit den Fortschritt der Menschheit zu symbolisieren schien. Es war vielseitig, beliebig formbar, angeblich geruchsneutral und billig. Ein Müllproblem kannte man damals noch nicht. Müllspar-Potential: 25.000 Tonnen Heute werden allein in Deutschland jährlich 40 Milliarden Trinkhalme aus Plastik verbraucht, ein Berg von 25.000 Tonnen Kunststoff, der nicht oder nur schwer zu recyceln ist. Thomas Aurich in Heilbronn, der nicht nur immer wieder durch neue Einfälle glänzt, sondern auch seit Jahren versucht, seine Betriebe umweltfreundlich zu führen, ist deshalb schon seit drei Jahren auf der Suche nach Trinkhalmen aus Stroh. Doch so einfach, wie man sich das vorstellt, ist es gar nicht: Weltweit war seine Suche und dennoch immer wieder erfolglos. Der Grund: Das meiste Getreide wächst nicht mehr lang genug, weil die Bauern die Saat mit halmverkürzenden Mitteln spritzen. Neue Züchtungen haben die Stabilität der Stengel verschlechtert, und obendrein kommt zuviel Chemie auf den Acker. Der Heilbronner Gastwirt war schon drauf und dran aufzugeben, als er jetzt auf ein Damenduo stieß, das die gleichen Ziele verfolgt. Im Kneippkurort Bad Lauterberg im Harz haben Luise Dobler und Sabine Pahnke die Strohmi GmbH gegründet, um den guten alten Strohhalm wieder auf den Markt zu bringen. Die Idee dazu ging von Luise Dobler aus, die eines Abends vor dem Fernseher saß, einen Betrunkenen an der Theke sah, der da sagte: „Gebt mir einen Strohhalm". Von da an ließ die Idee sie nicht mehr los. Die Bauzeichnerin machte sich auf die Suche nach dem Halm aus ihren Kindertagen und stellte fest: es gibt ihn nicht mehr. Auch sie suchte weltweit und wurde eingedeckt mit einer Flut von Plastikröhrchen. Sabine Pahnke, Steuerfachgehilfin von Beruf, ließ sich von der Idee anstecken, und zusammen fanden sie dann in Polen das geeignete Roggenlangstroh. Sie warfen ihre Ersparnisse zusammen, gründeten die GmbH und suchten weiter: Für die Zukunft planen die beiden Unternehmerinnen eine eigene Fabrik. In der Zwischenzeit verhandeln Marie-Luise Dobler und Sabine Pahnke mit Kaufhausketten und Zulieferern der Gastronomie. Die Begeisterung ist meist groß, ein Handikap ist allerdings der Preis, denn die Strohhalme sind etwas teurer als die Plastikkonkurrenz. Dennoch sind die beiden Unternehmerinnen zuversichtlich, daß die Nachfrage steigt, und eine Umfrage unter 2.045 Bundesbürgern gibt ihnen recht. 54 Prozent gaben an, daß sie - falls sie die Wahl hätten - den Naturhalm dem Plastikprodukt vorziehen würden. Und noch etwas kann den beiden Mut machen: die Reaktion der Gäste von Thomas Aurich in Heilbronn. „Um über das ganze Jahr liefern zu können, brauchen wir Rohstoffquellen in Ländern, in denen das Getreide zu verschiedenen Jahreszeiten gedeiht", begründet Marie-Luise Dobler. Strohmi ist sauber Deshalb hat die Strohmi GmbH Kontakt mit Farmern in Australien und Südafrika aufgenommen. In Deutschland wird derzeit mit einem Biobauern von Demeter verhandelt. Wichtig ist nämlich, daß die Trinkhalme lebensmittelrechtlich unbedenklich sind. Die beiden unternehmungslustigen Damen haben daher ihr Stroh genau untersuchen lassen. Ergebnis: Strohmi ist einwandfrei. Ein Problem war allerdings noch die Verarbeitung: Beim Schneiden fransen die Halmenden aus. Deshalb wurde ein Forschungsinstitut beauftragt, den guten Schnitt zu testen. Nun werden Maschinen entworfen, die mit High Tech die Halme sauber auf die richtige Länge bringen können. Bislang liefern die Polen das Stroh noch mit dem Messer geschnitten. Sortiert, gezählt und verpackt wird die Ware in der Vollzugsanstalt in Duderstadt. Getränke aus der Region, Trinkhalme aus Stroh Thomas Aurich legt Wert auf regio-nale Versorgung. Der naturtrübe Ap-felsaft kommt von einer benachbar-ten Firma, der Wein von Heilbronner Winzern und die Spirituosen aus ei-ner Brennerei in einem Nachbarort von Heilbronn. Auch beim Bier hätte man der Umweltzuliebe lieberauf eine örtliche Brauerei (leider gibt es keine mehr) zurückgegriffen. Doch Stuttgart ist auch nicht weit. Wer Bier im Food Court trinkt, trinkt übrigens für den guten Zweck. „Eine Mark pro angezapftes Faß Bier geht an eine gemeinnützige Organisation, die einen Kindergarten betreibt", so Thomas Aurich. „Eine weitere Mark wird an die Solar- und Energieinitiative Heilbronn abgeführt." Der Öko-Trend setzt sich im Glas fort: Als Neuheit hat er nun auch Trinkhalme aus echtem Stroh (Strohmi GmbH) im Einsatz, die bei den Gästen prima angekommen. Leergetrunkene Gläser werden fix abgeräumt und in die Spülküche transportiert. Pro Stunde laufen zwischen 500 und 1.000 Gläser durch die Bavaria 3000 Durchlauf-spülmaschine (Winterhalter). Fürs Schmutzgeschirr steht eine GS 72 Korbspülmaschine (Winterhalter) zur Verfügung. Die Zusammenarbeit der fünf Stand-pächter ist vertraglich genau fest-gelegt. So werden die Betriebskosten der Spülmaschine, die täglichen Reinigungsaufwendungen, die Be-pflanzungskosten, Strom und Was-ser genau geteilt. Thomas Aurich als Verpächter übernimmt die Kosten für Renovierungen, Werbung und Serviceleistungen wie Toilettenfrau und Kinderbetreuung. „Food Court"-Ableger in anderen Städten geplant Thomas Aurichs Pachtvertrag läuft bis 2002. Für eine Verlängerung bis 2007 gibt es bereits eine Option. Und auch danach wird's weitergehen, daran hat er keinen Zweifel. „Das Konzept ist erfolgreich und würde auch in andere Städten funktionie- Im „Food Court" funktioniert alles per Selbstbedienung. Damit Mama und Papa Speis' und Trank in aller Ruhe genießen können, gibt's sonntags eine spezielle Kinderbetreuung. Der rührige Gastronom hat deshalb bereits verschiedene Kommunen angeschrieben. Ersucht nach Plätzen mit ähnlichen idealen Bedingungen und nach Franchise-Partnern, die zusammen mit der Akrogast GmbH „Food Court-Ableger" wagen. Ein Gastro-Partner steht schon in den Startlöchern: Oktay Yildiz, der im Landhaus Food Court seit Eröffnung zwei Stände betreibt, würde „sofort wieder mit dabei sein". Der türkische Wirt, der in der Heilbronner Innenstadt zwölf Jahre lang die Pizzeria mit Gewölbekeller „La Grotta" betrieb, saß früher an heißen Sommertagen fast alleine in seinem Restaurant und drehte Däumchen. „Nix los, die Umsätze fast Null, und eigentlich hätte ich mein Personal bis Herbst entlassen müssen." Da kam Thomas Aurich mit seinem Konzept wie gerufen. Mit der Logistik gab es kaum Probleme. Waren die ganzen Zutaten erst einmal im „La Grotta"-Stand untergebracht, konnte gekocht werden wie gewohnt. Nur der Pizzateig wurde aus Platzgründen weiterhin im Restaurant zubereitet, ebenso die Salatwäsche. Seit Oktay Yildiz sein Restaurant in der Innenstadt im vergangenen Jahr komplett aufgab, um sich nur noch aufs Biergartengeschäft zu beschränken, erledigt er diese Vorbereitungsarbeiten in der Küche der Vereinsgaststätte. Nicht verbrauchte Produkte können bis zu drei Tagen in der Kühlkammer, die jedem Food-Stand angegliedert ist, aufbewahrt werden. Wenn überhaupt Essen übrig bleibt: Oktay Yildiz freut sich schließlich über „Top-Umsätze" und schafft an guten Tagen die Arbeit nur mit drei Festangestellten und drei Aushilfen. „Ein Sommerloch", schmunzelt er, „das gibt's bei mir nicht mehr!" (lie)
|
|
|
|