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Wie weit ist es mit der Kinderfreundlichkeit? |
Die total verkannte Zielgruppe Hotel & Technik 6/97 In Deutschland leben 9,5 Millionen Familien mit 16 Millionen Kindern -eine riesige Zielgruppe also. Und was macht die Gastronomie, um diese Zielgruppe zu gewinnen? - Nichts, glaubt man einer Studie der Fachhochschule Heilbronn: „Bei den Restaurants wird Kinderfreundlichkeit weitestgehend den Fast-Food-Betrieben überlassen", behauptet die Diplom-Betriebswirtin Silke Meister in ihrer Untersuchung.
In Anbetracht der großen Zielgruppe ist das eine erstaunliche Feststellung, denn unter die Rubrik „Familie mit Kindern" fallen mehr als 40 Prozent der in Deutschland lebenden Personen. Aus diesem Grund hat Silke Meister ihre Diplomarbeit mit dem Ziel angetreten, aufzuzeigen, „daß sich eine Investition in die Kinder und damit in die Zukunft lohnt und daß in diesem Bereich ein erhebliches Defizit, aber vor allen Dingen auch Potential für gastronomische Betriebe besteht". Schlechtes Zeugnis von den Eltern Um herauszufinden, wie dieses Potential genutzt wird, hat sie im Raum Heilbronn eine großangelegte Befragung bei Eltern mit Kindern gestartet. Knapp 1.400 Fragebögen verteilten Erzieherinnen und Lehrerinnen an Kinder, 316 davon kamen von den Eltern ausgefüllt und verwertbar zurück. Die Auswertung der Antworten zeigt vor allem eines ganz deutlich: Mögen auch noch so viele Inhaber ihren Betrieb als kinderfreundlich einschätzen, die Eltern kommen zu einem ganz anderen Urteil. Mehr als zwei Drittel der Eltern (68,3 Prozent) gaben beispielweise an, daß die Auswahl der Kindergerichte in den Gaststätten nicht groß sei. Aber auch dort, wo sie angeboten werden, lösen sie nicht die helle Freude aus: 46,4 Prozent, also fast die Hälfte der Be-fragten widersprachen der Meinung, daß die Kinderspeisen entweder lustig oder auffallend dekoriert offeriert werden, mit „eher nicht" und weitere 24 Prozent kreuzten bei dieser Frage sogar„trifft überhaupt nicht zu" an. Angebot zu klein und phantasielos Das ist das Ergebnis einer weithin gängigen Praxis, die die Verfasserin der Studie so zusammenfaßt: „Für die Kreation von Kindergerichten wird sehr viel weniger Phantasie als für Gerichte für Erwachsene aufgebracht. Meist werden nicht mehr als zwei oder drei Standardgerichte angeboten". Da es keine Anhaltspunkte dafür gibt, daß sich die Gastronomie im Raum Heilbronn grundsätzlich von der anderswo unterscheidet, geben auch die folgenden Antworten wichtige Hinweise auf Defizite, aber auch auf Handlungsansätze: • Kaum mehr als ein Drittel der Eltern hat die Erfahrung gemacht, daß aus der Erwachsenen-Karte auch halbe Portionen für Kinder zu bestellen sind: 34,6 Prozent meinten „eher nicht", 31,2 Prozent kreuzten „trifft überhaupt nicht zu" an. • Eine spezielle Speisekarte für Kinder kennt nur etwa je der fünfte Elternteil, drei von vier haben so etwas noch nie gesehen und mehr als 40 Prozent glauben noch nicht einmal, daß es so etwas gibt. Nur 3,5 Prozent, von denen, die eine Kinderspeisekarte kennen, gaben an, daß die - zum Beispiel mit Fotos oder Zeichnungen - auch besonders gestaltet gewesen sei. • Doch nicht nur das Angebot, auch die Ausstattung der Restaurants ist in der Regel nicht dazu angetan, daß sich Kinder wohlfühlen können. Brav zu sitzen und zu warten, bis das Essen kommt, ist deren Sache nicht. Die Tische sind zum Spielen aber meist zu klein. Fast zwei Drittel der Eltern vertreten diese Meinung. Etwa die gleiche Anzahl gab an, daß auch der Platz zwischen den Tischen zu eng sei. • Abhilfe könnte eine Spieleecke schaffen, doch auch da heißt es meist: Fehlanzeige. Nur 16,5 Prozent der Eltern konnten sich an eine derartige Einrichtung erinnern. Etwas besser sieht es da beim Spiel-platz außerhalb des Restau-rants aus. Immerhin 41,2 Prozent gaben an, eine solche Einrichtung schon einmal gesehen zu haben. Ausländer und Fast Food bevorzugt. Neben den allgemeinen Trends und der Preisfrage bestimmen natürlich auch solche Einschätzungen das Ausgehverhalten der Eltern. Es ergab sich vor allem bei den Gruppen, die angaben, oft oder wenigstens ab und zu zum Essen auszugehen, daß die sogenannte gutbürgerliche, deutsche Gastronomie (48,1 Prozent) lediglich auf Platz drei der Beliebtheitsskala steht -hinter den ausländischen Lo-kalen (60,1 Prozent) und Fast-Food-Restaurants (49,7 Pro-zent). Diese Zahlen bekommen für die Einschätzung der Lage noch mehr Gewicht, wenn man in Rechnung stellt, daß es in der Bundesrepublik deutlich mehr gutbürgerliche Restaurants als Pizzerias und Fast-Food-Restaurants gibt. Kinder bestimmen bei der Wahl mit Wie kurzsichtig ein weitgehend auf die Erwachsenenwelt ausgerichtetes Angebot ist, zeigt die Frage, wer über die Wahl des Lokals in den Familien bestimmt. Die meisten Anworten entfielen auf die vorgegebene Antwort: „Die Eltern bestimmen, wobei darauf geachtet wird, daß die Wünsche der Kinder berücksichtigt werden" (55,1 Pro-zent). Sogar Gleichberechtigung zwischen Eltern und Kindern gibt es angeblich in 30,4 Prozent der Familien. Wer das Angebot bei McDonalds kennt, weiß: Dort hat man das begriffen. Wer diesen Umstand nicht begreift oder ihm nicht Rechnung tragen will, handelt sich unter Umständen für die Zukunft eine schwere Hypothek ein. Denn Eßgewohnheiten werden im Kindesalter geprägt. Wer da mit pampigen Ham-oder Cheeseburgern lustvolle Erfahrungen macht, ist später nur schwer zu Rostbraten oder Lammkeule auf provencialische Art zu bekehren. Ähnliches gilt für die ausländischen Wirte, deren Lokale meist zu den Billiganbietern zählen, in denen man für wenig Geld nicht nur satt werden, sondern auch noch gut essen kann, wie die Verfasserin Silke Meister feststellt. Sie fügt hinzu: „Aufgrund des günstigen Preisniveaus und der natürlichen Gastlichkeit zieht diese Betriebsform Familien mit Kindern automatisch an" Langfristig ein Vorteil für Ausländer Der Italiener braucht kein Konzept, der weiß einfach, daß die superrote Tomatensoße zu Spaghetti toll für Kinder ist. Auch hier das Entscheidende: „Wer mit Pizza, Paella und Tacos volljährig geworden ist, wird wohl später kaum zu Sauerbraten und Kartoffelknödel zurückkehren". Das aber heißt, daß der jetzige Trend die Gefahr einer tiefgreifenden Veränderung der Restaurant-Landschaft birgt - mit Nachteilen für die deut-sche Hotel- und Restaurantküche. Einige haben das begriffen und nicht nur die richtigen Schlüsse daraus gezogen, sondern auch durchaus nachahmenswerte Initiativen gestartet, um diesem Trend entgegenzuwirken. Dieter Wägerle zum Beispiel, der Küchenchef und Inhaber des Restaurants Stumpenhof im baden-württembergischen Plochingen hat sich zum Ziel gesetzt, mehr Phantasie auf die Kinderteller zu bringen, und das sowohl zu Hause als auch in der Gastronomie. Sein Beitrag dazu: „Kiko und die Welt der Kochtöpfe", ein Koch- und Lesebuch, das nicht nur Eltern und Kinder für das gemeinsame Kochen und Genießen begeistern, sondern vor allen Dingen auch Restaurantbesitzern und Küchenchefs Anregungen für abwechslungsreiche Kindergerichte und familienfreundliche Küche geben soll. Kinder sind gleichwertige Gäste „Ich will den Spaß am Genießen und am Umgang mit frischen Lebensmitteln wecken", so der auch auf vielen anderen Gebieten engagierte Küchenchef, der sich jahrelang über phantasielose Angebote für Kinder geärgert hat. Wägerle: „Kinder sind doch gleichwertige Gäste, also sollen auch sie im Lokal eine gute Auswahl haben". Ein anderes Beispiel liefert Thomas Aurich mit dem „Food Court" in Heilbronn. In diesem familienfreundlichen Biergarten fahren die Kleinen auf Plastik-Buggys durch die Gegend, während die Eltern in Ruhe frische Luft und ihr Bier genießen können. Zu den kinderfreundlichen Angeboten gehören unter anderem ein Wickelraum, eine Mikrowelle für Babynahrung und kostenlose Windeln. Zu jedem Kindergetränk gibt es eine Wundertüte und sonntags Kasperletheater, Zaubereien und Kinderbetreuung-kostenlos, versteht sich. Der Traum: Ein Lokal für die Kinder Der Food Court, der erst vor zwei Jahren eröffnet wurde und großartig eingeschlagen hat, ist für den Gastronom und Betriebswirt Aurich auch ein ideales Experimentierfeld für seinen eigentlichen Traum: ein reines Kinderlokal, in dem die Kleinen nicht nur gleichberechtig sind, sondern eindeutig im Mittelpunkt stehen. Dort sollen die Kinder selbst Pizza backen, Pommes frites mit dem Bagger schaufeln und Bierdeckel bemalen, während die Eltern am Rand ihr Essen genießen oder sich sonstwie beschäftigen, aber jederzeit über einen Piepser erreichbar sind. Kindertisch mit eigenem Programm Während solches vorläufig noch Utopie bleibt, gibt es, wie Silke Meister zeigt, aber sehr wohl weitere Beispiele für besonders kinderfreundliche Restaurants - im Hetzel-Hotel Hochschwarzwald am Schluchseezum Beispiel: Dort erwartet die Kinder abends am Kindertisch ein zweistündiges Programm, damit ihre Eltern ungestört das Essen genießen können. Einmal in der Woche steht ein Grillabend im Wald oder ein Büfett in der Küche auf dem Programm. Dabei können die Kleinen dann den Köchen auf die Finger und in die Kochtöpfe schauen. Versteht sich von selbst, daß die Kinder im Restaurant ihr Essen aus einer eigenen Karte selbst auswählen dürfen. Auf die Einstellung kommt es an In der Regel, so Silke Meister in ihrer Schlußbetrachtung, sind für solche Angebote noch nicht einmal große Investitionen nötig, es kommt vielmehr auf die Einstellung an. Stimmt die, ergibt sich alles andere von allein. Familien mit Kindern werden schnell Stammkunden, die nicht nur gerne wiederkommen, son-dern ihre Zufriedenheit auch anderen mitteilen. Gerade weil ein so großes Defizit auf diesem Gebiet herrscht, so die Verfasserin, „werden Informationen über kinderfreundliche Angebote von Eltern förmlich aufgesogen" - eine bessere Werbung kann es also gar nicht geben. Erwin Kiefer |
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